Die Mutter von Napoléon Bonaparte war eine außergewöhnliche Frau. Darüber sind sich Historiker einig. Auch darüber, dass diese historische Figur von den Geschichtsschreibern der napoléonischen Ära zumeist stiefmütterlich behandelt wurde. Zu unrecht. Denn Laetitia, aus dem Patriziergeschlecht der Ramolino, war eine höchst interessante Persönlichkeit, die dynamische Energie und entschlossene Präsenz mit sinnlicher Weiblichkeit verband. Sie war es gewohnt stets an erster Stelle zu stehen. Nicht aus niederen Gründen der Überheblichkeit, sondern weil sie sich um alle sorgte und über alle wachte und versuchte die mitunter hitzigen Unarten ihrer Kinder (auch im Erwachsenenalter) mit grenzenloser Mutterliebe und gütevoller Milde zu besänftigen. Sie war diszipliniert, stolz und mühelos souverän und dabei doch bescheiden und demütig. Für diese vortrefflichen Tugenden wurde sie vom französischen Volk bewundert und mit großer Wertschätzung Madame Mère genannt. Nichts an ihr war banal. Sie besaß eine glühende Leidenschaft für das Bedürfnis in Freiheit zu leben. Dies liegt sicherlich in ihrer Biografie begründet (sie folgte - mit ihrem kleinen Sohn Joseph im Arm und mit Napoléon schwanger - ihrem Mann im korsischen Unabhängigkeitskampf ins Feld, entschlossen zum Kampfe für die Freiheit des Vaterlandes und musste doch Jahre später wegen eines blutigen Aufstandes ihre Heimat mit ihren Kindern über Nacht verlassen). Die gebürtige Korsin galt als schönste Frau in ihrer Heimat Ajaccio, deren angeborene Würde, Hoheit und Anmut mit der vollkommenen Eleganz ihrer ganzen Erscheinung in wundervollster Harmonie verbunden waren und selbst im Laufe der Jahre nicht verblassten. Die feinen Linien ihres edlen Gesichts waren mit prachtvollen kastanienbraunen Locken umrundet und von geschwungen Lippen und einem einnehmenden Lächeln gekrönt (der italienische Bildhauer Antonio Canova erschuf nach ihrem Ebenbilde die Marmorstatue der Agrippina, ein vollendetes Meisterwerk, in dem die Schönheit und Seelengröße Laetitias zur vollen Geltung kommen). Doch die wahre Stärke dieser charismatischen und unabhängigen Frau lag in ihrer Sanftmut, die ihr dabei half, alle Schicksalsfügungen während des Aufstiegs und des Falls ihrer Familie, die freudigen, wie die unglücklichen, erhaben und, einer griechischen Tragödie gleichend, in antiker Größe zu ertragen. Ihre beharrliche und unverminderte Entschlossenheit, Zielstrebigkeit und Charakterstärke waren für viele eine beständige Quelle der Inspiration.
Auch der französische Parfumeur François Rancé war von dem willensstarken Wesen der Mutter des Kaisers derart beeindruckt, dass er ihr (1806) ein duftendes Meisterwerk widmete. Die unvergessliche und sehr feminine Komposition ist eine Hommage an ihre zeitlose Eleganz und vornehme Noblesse und enthüllt faszinierende Facetten von Laetitias wahren Selbst, ihrer Persönlichkeit, ihrem Charakter.
